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Seit fast 500 Jahren gibt es das Haus in der Pfandhausstraße 2, 2014 – 2017 wurde es denkmalgerecht saniert und wird nach 25 Jahren Leerstand wieder genutzt. Es haben Familien darin gewohnt, es diente als Alterswohnsitz von Priestern und zuletzt befand sich im Erdgeschoss ein Blumengeschäft. Einwohner mit verschiedensten Professionen arbeiteten in den Räumen, beispielsweise Drechsler, Türmer oder Hutmacher. Es gehört zu einem Ensemble von Häusern, die von Juwelier Bott genutzt werden. 

Inhaber Christian Adolph wollte diesem Stadthaus der Renaissance mit seiner wechselvollen Geschichte einen zeitlosen und doch treffenden Namen geben. Mit der Hilfe seiner Kundinnen und Kunden wurde der Name „Silberdienerhaus“ gefunden, da tatsächlich im 18. Jahrhundert der Silberdieners des Fürstabts einmal hier gewohnt hat. 

Das Haus ist auf 1545 datiert und damit um eines der ältesten Fachwerkhäuser Fuldas. Dezent schmiegt es sich in die alte Gasse mit leicht nach vorn auskragenden niedrigen Stockwerken, Galgenfenstern und Bieberschwanz-Ziegeln.

Eine qualifizierte bauhistorische Untersuchung durch das Freie Institut für Bauforschung und Dokumentation e.V. aus Marburg stellt fest: Als eines der letzten Gebäude zeigt es die Proportionen der Bebauung der frühen Neuzeit in Fulda und folgt als letztes Gebäude in diesem Bereich der Pfandhausstraße der ursprünglichen Straßenflucht durch seine zweifach abgewinkelte Fassade. Trotz der datierten Bauzeit handelt es sich in Art und Ausführung um ein typisch mittelalterliches Stadthaus.

Die ersten nachweisbaren Besitzer des Hauses sind 1708 Ludwig Fasterts (Türmer der Stadt Fulda) und 1740 Johann Michel Fehlings (Silberdiener). Es folgten weitere bürgerliche Besitzer bis das Haus „Domus emeritorum sacerdotum“, also Altersitz für im Ruhestand befindliche Priester wird. Ab 1826 geht es dann wieder in bürgerlichen Besitz über und wird in Folge ein Hutladen, ein Badehaus, ein Farbengeschäft und ein Blumenladen. Die oberen Stockwerke werden fast durchgehend von zwei Parteien bewohnt.

1954 23
80er Pfandhaus 23
Silberdiener Unrenoviert 2016

Seit 1984 ist das Haus im Besitz der Juwelierfamilie Bott/Adolph, die es bald sanieren und nutzbar machen wollten. In den Abstimmungen mit der Denkmalbehörde konnte jedoch keine für beide Seiten akzeptable Lösung gefunden werden. „Mit den Architekten Sturm und Wartzeck aus Dipperz fand ich engagierte Partner, die Bewegung in unser Anliegen brachten. Sie entwickelten einen Entwurf, der schließlich vom Denkmalschutz genehmigt wurde“, sagt Inhaber und Bauherr Christian Adolph. Die Fotos zeigen eine Ansicht des Ensembles von 1954 mit dem Einzelhändler Ricken als Ladenbesitzer, die passable Ansicht des Hauses in den 80er Jahren und den baufälligen Zustand zum Start der Arbeiten 2016.

Dem Architektenteam war es wichtig, die historische Substanz und das bekannte Erscheinungsbild zu erhalten. Neu gestaltete Bereiche wie die Front im Erdgeschoss sollten aber als solche deutlich erkennbar sein. Hier lässt nun ein breites Panorama-Fenster Licht in die Büroräume und bietet einen reizvollen Kontrast zu den historischen Galgenfenstern. Dieser moderne Akzent war möglich, da ein Stück der Front im 19. Jahrhundert Umbauten zum Opfer fiel.

 

Vor dem eigentlichen Baubeginn wurden das Fachwerk und die tragenden Balken untersucht. Unzählige Stützen trugen das Haus, als über 20 Tonnen Tapeten, Holz, Erde und Ziegelsteine fachgerecht ausgeräumt wurden. Jeder kaputte Balken wurde durch einen neuen aus alter Eiche ersetzt. Eine regelrechte Puzzle-Arbeit: Die Zimmerleute brauchten sechs Monate, bis die anderen Gewerke das Hausgerippe überhaupt betreten konnten.

Ähnlich ging es den Schreinern, Bodenlegern und Trockenbauern, die nur mühsam in kleinen Schritten vorangehen konnten. Sie übten sich nicht selten in der Kunst, schief gerade zu machen oder zumindest so erscheinen zu lassen. Nicht weniger kompliziert war es, moderne Erfordernisse wie Heizung, Lüftung, Elektro- und IT-Verkabelung mit den Auflagen von Denkmalschutz, Brandschutz und Statik zu vereinen.

Die Erbauungszeit des Kellers, des Erdgeschosses und des 1. Obergeschosses kann aufgrund dendrochronologischer Untersuchungen und Schlussfolgerungen aus der Bautechnik auf das Jahr 1545 datiert werden. Es sind sowohl Mauerwerk als auch Fachwerkhölzer aus dieser Zeit aufzufinden. Eine zweite Bauphase ist im Jahr 1593 nachweislich, sowohl über Untersuchungen, als auch über eine Inschrift eines Sandsteinfenstergewändes. Darüber hinaus ist eine starke bauliche Veränderung Ende des 18. Jahrhunderts nachweislich, in der vor allem die Fassade den Vorstellungen des Barock angepasst wurde. Weitere Eingriffe folgten im 19. und 20. Jahrhundert, vor allem im Erdgeschoss, welches als Ladengeschäft genutzt wurde.

Die Substanz war stark geschädigt, eine wirtschaftliche Einzelnutzung des Gebäudes war aufgrund der kleinen Grundfläche und des besonderen geometrischen Zuschnitts im Bestand deshalb nicht möglich. Daher wurde eine Nutzung als Büro und Werkstatt in Verbindung mit dem Juweliergeschäft im nebenstehenden Gebäude Friedrichstraße 1 geplant.

Die Planungen starteten im Oktober 2014, im Januar 2017 war das Projekt abgeschlossen. Die vorrangigen Ziele der Sanierung waren:

  1. Möglichst viel so zu erhalten wie es war und natürliche Materialien zu verwenden.
  2. Das Haus in einen stabilen Zustand zu versetzen, der es mindestens über die nächsten 200 Jahre bringt.
  3. Den optischen Eindruck zu erhalten und die notwendige Technik unsichtbar einzubauen.

Fehlstellungen von tragenden Bauteilen führten im Laufe von 470 Jahren zu immensen statischen Problemen, sodass unter anderem Wände abgebrochen und neu errichtet werden mussten. Die neu zu errichtenden Wände wurden in Holzständerbauweise mit zimmermannsmäßigen Verbindungen erstellt und mit Lehmsteinen ausgefacht.

Rauchgitter

Um den Anforderungen an ein Bürogebäude gerecht zu werden, war es notwendig, die Böden zu begradigen. So wurden zuerst viele der Deckenausfachungen neu hergestellt, da gut die Hälfte der Balken durch Wurmbefall nicht mehr tragfähig waren. Anschließend wurden Aufständerungen über den Deckenbalken vorgenommen und Dielen mit der originalen Breite von 30 cm montiert. 

Im EG konnten die gebrochenen Deckenbalken mit einer Stützkonstruktion aus Stahl abgefangen werden und mussten nicht ausgebaut werden.

Beim Umbau wurden Steinspolien gefunden, sie wurden freigelegt, gereinigt, repariert und anschließend an ihre angestammten Positionen gesetzt.

Der für dieses Haus typische offene Rauchabzug, verborgen durch nachträgliche Kammereinbauten, wurde freigelegt und durch das Überdecken mit einem Glasboden in seiner vollen Größe erlebbar gemacht.

Bestandstüren, welche aufgearbeitet werden konnten, wurden gehalten. Fenster wurden dem historischen Vorbild nachempfungen und  entsprechen den aktuellen Anforderungen an den Wärmeschutz.

Die Treppe inklusive dem Biedermeiergeländer wurde aufgearbeitet, repariert und ergänzt. Die Farbschichten der Fassade wurden durch eine Restauratorin untersucht und die Wandfläche mit dem zuletzt vorgefunden abgetönten Weiß gestrichen. Ein bauzeitliche Renaissance-Tür konnte geborgen und im Treppenhaus zur Erhaltung ohne Funktion eingebaut werden.

Alles in allem wurden neu errichtete Bauteile in Anlehnung an die historische Bauweise errichtet, unter Einsatz von ökologischen und denkmalgerechten Baustoffen. Gleiches gilt für Auffrischungen von Oberflächen. 

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Bauherr Adolph resümiert: „Auch wenn die Kostenschätzung deutlich überschritten wurde, sind wir mit dem Ergebnis des gewaltigen Aufwands für das kleine Häuschen sehr zufrieden. Wir durften feststellen, dass viel mehr Menschen als gedacht mit der Pfandhausstraße 2 persönlich verbunden sind und auch die Freude der Fuldaer über die Sanierung hätten wir so nicht eingeschätzt. Zahlreiche Gespräche vor dem Haus oder bei uns im Geschäft haben uns immer wieder motiviert weiterzumachen.“

Geht man heute durch die Räume und fährt mit der Hand über die alten Steine und Holzbalken mit Segenszeichen und Spuren vergangener Zeiten, überwiegt die Freude über das Bewahren eines Hauses mit einer lebendigen Geschichte.